27. August 2010 |

Doerfer: vergiss nicht, wo du herkommst

Fuer diejenigen, die mehr ueber den Hintergrund von den Hostelkindern wissen wollen, haben wir uns ueberlegt ein bisschen darueber zu schreiben, was wir bis jetzt vom Dorfleben gesehen und gelernt haben.

Alle Hostels befinden sich in Gegenden, wo die Menschen staendig Zugang zu wenigstens den grundlegendsten Guetern haben. Selbst in Chikliya, dem rudimentaersten Hostel, das wir besucht haben, koennen die Fathers und Schwestern staendig Essen und Sonstiges in der Naehe erhalten oder sich von anderen Parishes bringen lassen. Aus deutscher Perspektive scheint es vielleicht selbstverstaendlich zu sein, aber in den Doerfern wo die Familien von den Hostelkindern wohnen, sieht es “ein bisschen” anders aus.

Meistens muss man etwa 40 min in die Feldern hineinfahren, bis man eins von diesen Doerfern erreicht. Dabei sieht man in der Mehrheit des Weges nichts anderes als Feld, Fluesse und ein paar Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Diese Entfernung erklaert auf der einen Seite, warum die Kinder in den Hostels uebernachten muessen, anstatt wie die anderen Schulbesucher jeden Abend zurueck zu den Eltern zu gehen. Auf der anderen Seite merkt man, warum die Bewohner der Doerfer und damit die Familien von den Kindern sich auf begrenzte Facilities anpassen muessen. Vorallem in dieser Jahreszeit, die Regen- oder Monsunzeit, passiert es oefters, dass Fluesse, die auf dem Weg zur naechsten “Stadt” liegen, so gross geworden sind, dass sie bis zu mehreren Tage nicht zu ueberqueren sind (sogar bei den wenigen, bei denen schon eine Bruecke gebaut worden ist). Waehrend dieser Zeit muessen sich die Dorfbewohner von der eigenen Ernte, den eigenen Kuehen und Huehnern, u.s.w.  ernaehren. Dies bedeutet aber auch, dass dieselben danach leider auch nicht auf dem Markt verkauft werden koennen.

Mittlerweile ist der Erfolg der Hostelsinitiative ziemlich bemerkbar, in dem es nicht mehr noetig ist in die Doerfer zu gehen, um die Eltern versuchen zu ueberzeugen ihre Kinder zur Schule zu schicken. Momentan treffen die Eltern diese Entscheidung von alleine aus. Aber gefaellt es dem Kind aus dem einem oder dem anderen Grund nicht im Hostel, eigentlich immer Heimweh, und will zurueck nach Hause, dann ist es auch wahrscheinlich, dass die Eltern sich auf diese Tatsache freuen und das Kind nicht vom Gegenteil zu ueberzeugen versuchen. In dem Fall geht das Leben im Dorf fuer das Kind weiter, so “wie es sich gehoert”. Dann wird es wieder in der Feldarbeit eingesetzt, Maedchen helfen auch noch in der Hausarbeit, Jungs gehen in die Towns um die Gemuese, Obst, Milch, Eier o.a. zu verkaufen. Mit dem Dorfleben verbunden ist auch die Rueckkehr von einigen Traditionen, die sonst bei erfolgreichem Schulabschluss und eventuell sogar anschliessendem College Studium ein bisschen nach hinten verlegt werden:

Als Beispiel nennen wir den Fall von einem Maedchen, das wir kennengelernt haben. Sie ist ein huebsches, kleines, energetisches Maedel und erfreut jeden staendig mit ihrem schoenen Gesang und ihren farbenreichen Kleidern.  Ihre aeltere Schwester hat die Schule abgeschlossen und macht momentan eine Krankenschwesternausbildung am College. Das Maedchen hat die Schule nicht so gemocht, wodurch sie wieder ins Dorfleben zurueckgekehrt ist. Als wir da waren, haben uns alle ihre Bekannten (inklusive ihre aelteren Schwester) stolz von der schoenen neuen Nachricht erzaehlt: Ranjita ist seit 2 Monaten verlobt und wird in 2 Jahren heiraten. Sie ist zwar momentan erst vierzehn Jahre alt und ihr Verlobter ist 5 Jahre juenger als sie, sodass er noch nicht mal dazu kommt, sie umarmen zu koennen (wegen seiner Koerpergroesse). Nach langem Ueberlegen, ob wir das fragen duerften, haben wir nach dem Grund einer fuer uns so ungewoehlichen Hochzeit gefragt: Geld. Da sie nicht interessiert daran war, zur Schule zu gehen, mussten sich die Eltern daruem kuemmern, sie gut zu verheiraten. Die Familie von dem 9-Jaehrigen besitzt viele Felder, sodass alle mit der Verlobung ziemlich zufrieden sind. Fragt man Ranjita selbst wegen ihrer Verlobung, zueckt sie einfach mit den Schultern, laechelt und kehrt zuruck zudem, was sie vorher gemacht hat.

In Indien sind in Theorie solche Hochzeiten nicht erlaubt. Mindestalter zum Heiraten ist 18 fuer Frauen und 21 fuer Maenner. Aber in den Doerfern weiss man das wahrscheinlich noch nicht mal.

Bemerkenswert fanden wir, dass Ranjitas Schwester, die momentan etwa 22 Jahre alt ist und wie gesagt, im Moment eine Ausbildung macht, sich so ueber die Hochzeit von ihrer Schwester veraeussert hat : “Guck sie an, was fuer ein Glueck sie hat. Sie ist erst 14 und hat jetzt schon so einen Verlobten. Und ich? Was habe ich? Ich habe nichts..” ( Dazu muessen wir auch sagen, dass sie das trotzdem mit einem Laecheln im Gesicht gesagt hat und mit keinem Tropfchen “Bitterness”)

Wir hoffen mit dem Artikel und ein paar Bildern fuer ein besseres Verstaendnis von dem Leben und den Umstaenden von einigen hundert Millionen Menschen in Indien beitragen zu koennen!