5. November 2011 | ,

Lernen mit Kraft: The Riversands Primary School Feeding Scheme

Ich vermute, dass ich nicht der Einzige bin: Bevor ich die Frage beantworten kann, wann ich das letzte Mal wirklich hungrig war, muss ich lange überlegen. Die 700 Grundschülerinnen und Grundschüler der Riversands Primary School sind in der Regel montags besonders hungrig. Nachdem sie am Wochenende zu Hause nicht ausreichend oder gar nichts zu Essen bekommen haben, begleitet sie ein Knurren im Magen auf dem Weg zu ihrer Schule am Rande von Diepsloot, einem verarmten und extrem gefährlichen Township im Norden Johannesburgs.

Wenn es dort einen langfristigen Weg aus dem Teufelskreis der Armut gibt, dann führt dieser über Bildung. Zum Beispiel durch das Erlernen von Lesen und Schreiben als Grundqualifikation für einen späteren Arbeitsplatz. Aber wo soll ein Kind die Energie zum Konzentrieren und Lernen hernehmen, wenn es nichts zu Essen gibt? Welches Kind kann mit leerem Magen in der Schule aufpassen oder sich überhaupt gesund entwickeln? Der Hunger droht, auch diese Perspektive zu rauben.

Und nun zum schöneren, zum hoffnungsvollen Teil meines Berichts: Während vor einigen Jahren noch viele Schülerinnen und Schüler der Riversands Primary School im Unterricht vor Schwäche einschliefen oder nur mit Magenschmerzen der Lehrerin folgen konnten, erhalten sie seit 2005 wenigstens an 3 Wochentagen eine nahrhafte Mahlzeit. Seit einigen Jahren bereiten freiwillige, arbeitslose Helferinnen und Helfer aus Diepsloot für die 700 Grundschüler ein Essen zu. Das Ganze geschieht unter der ehrenamtlichen Leitung von Milly Jarvis, von deren Wirken ich bereits in meinem Blog-Artikel über das Village of Joy berichtet habe.

Während meiner Zeit als Volontär begleitete ich Milly mehrfach bei der Schulspeisung. Wie sich durch den nachhaltigen Ansatz dieses Projekts nicht nur leere Kindermägen füllen lassen, sondern wie man im Kleinen die Lebensumstände eines ganzen Townships verbessern kann, vermittelt mein folgender Fotobericht:

 

Zunächst einmal muss alles ordentlich vorbereitet werden: Vom Waschen und Schneiden des Gemüses bis hin zur Bereitstellung der Teller und des Bestecks für 700 Gäste. Bei diesen Arbeiten gibt es keine besonderen schulischen Voraussetzungen, so dass sie relativ einfach von den freiwilligen Helfern aus dem Township übernommen werden können.

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Es gibt viel zu tun. Helfende Hände sind daher herzlich willkommen. Die Schulspeisung wird mitunter von einigen Lufthanseaten in ihrem Layover in Johannesburg unterstützt oder es finden sich zum Glück andere Menschen, die einen wertvollen Beitrag leisten.

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Allmählich wird es stressiger. Die Kinder kommen gleich und es müssen noch viele Teller vorbereitet werden!

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Doch noch alles rechtzeitig geschafft. Das sollte für den ersten Ansturm genügen.

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Der Andrang ist groß!

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Leider sehen einige Kinder nicht immer gesund aus.

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Die Nachfrage war groß und viel bleibt nicht übrig.

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Und trotzdem bekommt auch der letzte Schüler seine eigene Mahlzeit.

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Mit vollem Magen ist auf dem Schulhof gute Laune angesagt!

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Die finanziellen Mittel sind knapp. An manchen Tagen gibt es für die Kinder daher “nur” 2 Eier, eine Scheibe Toast und etwas Tomatensauce.

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Das macht insgesamt über 1400 Eier für eine einzige Schulspeisung. Milly kauft sie morgens bei einer günstigen Farm in der Gegend und prüft jedes Einzelne vor Ort auf Beschädigungen. Zurück an der Schule überwacht sie die Essenszubereitung und packt anschließend bei der Essensausgabe mit an (s. nächstes Bild):

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Die Kinder freuen sich über jede Mahlzeit und nach getaner Arbeit ist schließlich auch Milly guter Laune :-) (s. nächstes Bild)

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Unmittelbar hinter der Ausgabe befinden sich die Essenstische. 2008 konnte Milly endlich durchsetzen, dass die Essenstische überdacht werden. Eine Errungenschaft, die die hungrigen Kinder vor der heißen Sonne schützt und in der Regensaison im wahrsten Sinne nicht mehr im Regen stehen lässt.

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Die Geschichte der Schulspeisung beginnt eigentlich mit der Geschichte des Schulgartens. Als Milly die Schule vor einigen Jahren zum ersten Mal besuchte, erfuhr sie hautnah die Problematik der Grundschule, deren Schüler der Hunger vom Lernen abhielt. Statt aufmerksam zu folgen, schliefen viele Schüler während des Unterrichts. Nicht weil sie faul waren, sondern weil sie keine Kraft hatten und Schlafen lenkt von den Magenschmerzen ab. In der Folge entstand die Idee, einen eigenen Garten für die Schule anzulegen und dadurch die Not etwas zu lindern.

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Milly und ich machen einen Rundgang durch den Garten und sie erzählt mir von den Anfängen. Zu meiner Verwunderung ist ihr das sogar ein wenig unangenehm. Naiv seien sie und ihre Helfer damals gewesen. Während ich beim Bestaunen des Gartengeländes und Verarbeiten der fantastischen Eindrücke ihre Scham nicht wirklich nachvollziehen kann, erläutert sie mir, dass durch heranwachsendes Gemüse im Erdboden “im Jetzt” noch immer kein einziges Kind satt wird und im Unterricht schon einmal gar nicht folgen kann. “Logisch”, denke ich und erst jetzt wird mir wirklich bewusst, welchen bemerkenswerten Reifegrad dieses Schulspeisungsprojekt für die 700 Kinder inzwischen erreicht hat…

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Dass es den Garten überhaupt noch gibt, ist hart erkämpft. Extreme Regenfälle trugen bei den ersten Versuchen die gesamte Saat fort. Um Diebe und freilaufende Tiere abzuwehren, musste außerdem der “billige” (auf dem Bild der vordere) Stacheldraht um das Gelände gelegt werden. Nach einem Einbruch in die Schule vor ca. 2 Jahren entschied die Schulversicherung, das Gelände einzuzäunen. Da der Garten und das Schulgelände ineinander übergehen, konnte Milly die Versicherung nach einigen Diskussionen schließlich davon überzeugen, den Garten ebenfalls mit dem höheren und sichereren Zaun zu schützen.

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Der Garten wird ebenfalls durch Freiwillige (junge Männer) aus Diepsloot bewirtschaftet. Mithilfe des Gartens kann nicht nur Geld beim Einkauf der Zutaten gespart werden. Statt der üblichen Perspektive im Township (Herumsitzen, Alkohol, Drogen oder Kinder in die Welt setzen) erhalten die arbeitslosen jungen Männer auch ohne Ausbildung eine Aufgabe, der sie nachgehen können und die sie weiterqualifiziert. Darüber hinaus bietet die Bewirtschaftung des Gartens noch weitere Potenziale. So ist nicht nur geplant, die Schulspeisung durch die Ernte zu fördern. Die in dem Garten arbeitenden Männer sollen einen Überschuss produzieren, den sie verkaufen und somit ihr eigenes Geld verdienen können. Wir sind gespannt, welche Herausforderungen auf diesem Wege noch zu bewältigen sind. Auf geht’s!

 

Ich gelange zum Ende meines Berichts und frage mich, ob auch dieser wieder mit einem Spendenaufruf enden muss? Die Antwort ist unspektakulär und eindeutig: Ja.

Selbst der Gegenwert einer einzigen Tasse Milchkaffee hilft, die Welt zu verändern. Das sind ungefähr drei Euro, die das Leben misshandelter, hungernder und kranker Kinder ein entscheidendes Stück erträglicher und sogar lebenswert machen können. Wenn wir also bereit wären, auf nur eine Tasse im Monat zu verzichten und diesen Betrag zu spenden, erzeugt dies eine gewaltige Wirkung. Als Fördermitglied der HelpAlliance können Sie Ihren eigenen Beitrag zur Veränderung leisten. Um dem  hier vorgestellten Projekt zu helfen, geben Sie einfach “Riversands” als zu unterstützendes Projekt an. Um das in meinem anderen Bericht beschriebene “Village of Joy” zu unterstützen, tragen Sie einfach “Village of Joy” ein. Das Geld wird zu hundert Prozent zur Unterstützung des jeweiligen Projekts eingesetzt. Vielen Dank.

“Logisch”, denke ich und erst jetzt wird mir richtig bewusst, welchen bemerkenswerten Reifegrad dieses Schulspeisungsprojekt für die 700 Kinder inzwischen erreicht hat…