16. Dezember 2011 |

Medaase! – Leben im Kinder Paradise, Ghana

Im Kinder Paradise in dem kleinen Fischerdorf Prampram an der Küste Ghanas leben 60 Kinder. Die Kleinste ist stolze zwei, der Älteste fast 17 Jahre alt. Man kann also nicht mit jedem Kind gleich umgehen. Genauso wenig kann man im Grunde von „Kinderheim“ sprechen. Ein kleines Dörfchen, in dem eine riesige Familie lebt, trifft es besser.
Schon bei meiner Ankunft konnte ich mich kaum vor aufgeregten Fragen nach meinem Namen und helfenden Händchen für meine Tasche retten. Meine erste Sorge war direkt, ob ich mir jemals alle Namen würde merken können.
Die Ghanaer sind sehr herzlich. Wo man geht und steht wird man mit einem breiten Grinsen und einem „You are welcome!“ oder einem „Akwaaba!“ (auf Twi, der meistverbreiteten Sprache in Ghana) begrüßt. Die Kinder machen da keine Ausnahme.

I Love My Life – Demarco

Nicht nur Neuankömmlinge, auch Melonen zum Nachtisch können für große Begeisterung sorgen!

 

In den drei Wohnhäusern des Heims – zwei für Jungs, eins für Mädchen – herrscht immer reges Treiben. Nach dem Aufstehen, an Schultagen ca. 4:15 Uhr, hat jedes Kind eine Aufgabe, das Haus wird geputzt. Es hängt ein Plan aus, auf dem festgelegt ist, wer wann was macht, damit keine Verwirrung entsteht. Die Hausmütter, die mit den Kindern zusammen leben, passen auf, dass alles glatt läuft.
Jeden Morgen und jeden Abend wird im Kinder Paradise gebetet. Das ist nicht etwa trocken und langweilig, man singt und klatscht und schon die Kleinsten lernen, Gott für ihr Leben und die Möglichkeiten darin zu danken und ihn um Segen für die Wichtigsten in ihrem Leben zu bitten: ihre Familien und alle Kinder und Verantwortlichen des Kinder Paradise. Jeden Sonntag gibt es einen Gottesdienst in der „dining hall“.
In der Schulzeit machen die Kinder außerdem jeden Nachmittag gemeinsam Hausaufgaben in ihren Klassenräumen, die Schule gehört ja zum Projekt und liegt auf dem Gelände. Dabei ist man oft als spontaner Nachhilfelehrer gefragt, Hausaufgaben wollen korrigiert und unterzeichnet werden.

Beim Hausaufgaben machen im Mädchenhaus

 

Die Kreativität in den Köpfen der Kinder ist erstaunlich. Alle 10 Minuten wird sich ein neues Spiel ausgedacht, ein neuer Witz erzählt, eine neue aufregende Entdeckung im wohlbekannten, eigenen Zuhause gemacht. Und falls doch einmal die Ideen ausgehen, bleibt immer noch DIE Beschäftigung überhaupt: Fußball spielen. Da sind meistens alle dabei, im Kinder Paradise gibt es ganze vier Fußballteams.

Das jüngere Fussballteam der Jungs

 

Die 5-jährige Ama* hatte es mir besonders angetan und das, obwohl sie mich bestimmt gute 100 Mal in den Wahnsinn getrieben hatte, noch bevor der erste Monat vorbei war. Sie war kein Am-Schnürchen-Kind, selten tat sie einfach das, was man ihr sagte. Trotzdem wurde sie zu meinem besonderen Schützling.
Ich half ihr morgens und abends beim Umziehen und achtete darauf, dass sie ihre Aufgaben erledigte.
So sollte sie zum Beispiel jeden Morgen im Kiesbett rund um das Haus die kleinen Blätter und Zweige aufsammeln, die zusammen mit anderem Müll über Nacht dort gelandet waren. Nach 2-3 Wochen erbitterten Kampfes überlegte ich mir ein kleines Spiel. Von nun an waren wir keine normalen Blättchen-Aufsammler, nein, wir waren clevere Detektive, auf der Suche nach einem Dieb (der die Schokolade vom Lehrertisch geklaut hatte). Die aufzuhebenden Zweigchen wurden flugs zu Beweisen, wer die Meisten fand, hatte die größte Chance, den Dieb zu fassen. Ama’s neuer Spitzname „detective“ machte sie stolz wie Oskar und es gelang uns beinahe jeden Morgen, den Dieb zu fassen.

Wenn ghanaische Kinder tanzen, kann man nurnoch staunen!

 

Die Kinder des Kinder Paradise sind sehr unabhängig. Trotz der verschiedenen Altersgruppen gibt es keine starke Cliquenbildung, die es viel zu oft unter deutschen Jugendlichen gibt. Hier findet man etwas, was der deutschen Jugend zuweilen verloren gegangen ist: Echtheit. Echtes Lachen, echte Streitereien, echte Persönlichkeiten. Obwohl man doch recht oft aufpassen sollte, was man glaubt und was nicht, scheint es hier viel selbstverständlicher als zu Hause, einfach so zu sein, wie man eben ist. Auch ich habe dadurch viel über Unabhängigkeit und über mich selbst gelernt.

Die ganze "Meute" des Kinder Paradise

 

Mein Abschied fiel mir alles andere als leicht. Ghana ist mir zu einer Heimat geworden. Vieles in diesem Land hat mein Herz erwärmt, vieles war unglaublich, beinahe alles hat mich auf die eine oder andere Weise beeindruckt.

Kommt man als Deutscher nach Ghana, so könnte man schnell glauben, so weit sei es ja entwicklungstechnisch doch nicht von Deutschland entfernt, Handys und Fernseher haben die Meisten ja schon. Doch der Eindruck täuscht. Hinter der Fassade stecken in den meisten Fällen veraltete Vorstellungen und Überzeugungen.
Und obwohl man die interessantesten Gespräche führen kann, sollte man sich vom netten Lächeln und Nicken des Gegenübers nicht täuschen lassen. Meistens hat derjenige nämlich fast nichts verstanden. Die Ghanaer sind deswegen nicht dumm, sie sind oft schlicht und einfach nicht daran gewöhnt, zuzuhören, zu verstehen, was der Andere sagt. Kommunikation funktioniert in Ghana nicht so direkt, wie in Deutschland, meistens machen es am Ende dann doch alle so, wie sie selbst denken.

Die Mädchen beim Waschen

 

Dies alles zeigt, wie weit der Weg ist, der in Ghana noch zu gehen ist, bis es tatsächlich ein ernstzunehmender Mitspieler auf dem internationalen Spielbrett werden kann. Genau deshalb ist es umso wichtiger, Projekten wie dem Kinder Paradise unter die Arme zu greifen. Das Projekt, in dem es irgendwie gelingt, deutsche Idee mit ghanaischer Mentalität zu mischen, zählt heute bereits zu den Vorbildern ghanaischer Kinderheime. Es hat genug Kraft, um auch Andere mit zu ziehen, damit die Kinder Ghanas am Ende des Tages eine bessere Chance haben, etwas zu erreichen.

Medaase – „Dankeschön“ – an das Kinder Paradise, was mir in nur drei Monaten zeigen konnte, wie wenig es im Leben braucht, um glücklich zu sein!

Die Mädchen beim ausgelassenen Tanzen im Gottesdienst

 

*Name geändert