15. Februar 2012 |

Prana im Februar

 

Der Große Sturm

von Hilde Link



 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor wenigen Wochen bot unser Schulgarten noch ein ganz anderes Bild als dieses: Ende des Jahres fegte ein verheerender Wirbelsturm über die Küste  und weite Teile des Landesinneren.

Aus den Erfahrungen mit dem Tsunami vor sieben Jahren hat man gelernt: Über Lautsprecher wurde die Bevölkerung aufgerufen, ihre Häuser und Hütten zu verlassen, und so kam in unserer Gegend tatsächlich niemand ums Leben. Die Schäden allerdings, die der Wirbelsturm hinterlassen hat, sind enorm. Die Strohdächer von den Hütten wurden abgedeckt, einige Hütten, die noch aus Lehm waren, sind völlig zusammengebrochen. Bäume stürzten um und richteten gewaltige Schäden an, von einem ehemaligen Palmenhain sind fast alle Palmen entwurzelt, das Meer kam wieder bis fast an die Gartenmauer des Prana-Geländes und versetzte alle in Angst und Schrecken.

Auch wir haben beträchtliche Schäden zu verkraften: der Ast eines riesigen Baumes stürzte auf das Schuldach, das Toilettenhäuschen ist abgedeckt und das ganze Schulgebäude stand unter Wasser, da die Abflüsse blitzschnell durch Blätter und kleine Äste verstopft waren. Als dann das Wasser weggeputzt und abgelaufen war, sahen die Terrakotta-Ziegel des Bodens aus, als hätten sie die Windpocken.

Das Schlimmste war eigentlich, dass wir zwei Wochen keinen Strom hatten, weil die Strommasten abgeknickt sind wie Streichhölzer. An einen Schulbetrieb nicht mehr zu denken, denn wir haben eine eigene (strombetriebene) Wasserpumpe im Garten, die natürlich auch nicht mehr funktionierte, und somit natürlich auch keine Toilettenspülung. Die Regierung ließ eine Stunde am Tag das Wasser in den öffentlichen Pumpen und Brunnen in den Dörfern laufen, damit man wenigstens kochen konnte.

Na klar haben wir einen Notstromaggregator. Den haben wir auch gleich in Betrieb genommen und nach zwei Stunden hat er den Geist aufgegeben. Die Reparatur dauerte die ganze Nacht bei Kerzenschein –  über die engagierten Mitarbeiter der Kirloskar-Firma lasse ich nichts kommen – aber dann stellte sich gegen morgen heraus, dass man ein Ersatzteil aus Kerala kommen lassen muss und so war erst mal aus der Traum.

Es ist ja nicht so, dass die Bevölkerung sich nicht auch für die Reparaturen an den Masten eingesetzt hätte: Frauen taten sich zusammen und warfen Ziegelsteine in das Elektrizitätswerk, die Männer verprügelten die Beamten mit Stöcken. Das brachte Schwung in die Sache, und nach mehr als zwei Wochen ging das Licht in den Häusern und Hütten an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von den Palmyrapalmen hatte der Sturm alle Nüsse heruntergerissen. Unser Schulgärtner vergrub sie in der Erde. Schon nach zwei Wochen schlugen die Nüsse Wurzeln, um neue Palmen hervorzubringen. Mit großer Freude haben die Kinder die Nüsse samt Wurzeln ausgegraben. Wenn man die Nüsse von den Wurzeln trennt, kann man diese kochen und essen. Schmeckt so ähnlich wie Schwarzwurzeln. So hat ein Sturmschaden sogar noch etwas Positives hervorgebracht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weniger positiv war die Tatsache, dass alle Bananenstauden abgerissen wurden und uns die Bananen buchstäblich um die Ohren flogen. So gab es also jeden Tag Palmwurzeln und Bananen und Bananen und Palmwurzeln und dann wieder Palmwurzeln und Bananen.

Auch unser Schulgarten wurde durch den Sturm mächtig in Mitleidenschaft gezogen. Der Spinat war zerzaust wie die Haare der Kinder, aber das, was von den Blättern übrig geblieben ist, ergab noch ein wunderbares Essen. Herrlich, nach unserer erzwungenen Bananen- und Wurzel-Diät.

Die neuen Setzlinge stehen schon bereit, und so hoffen wir auf Bohnen, Tomaten und Erdnüsse.