1. Mai 2013 | ,

Prana im Mai

 

von Hilde Link

„Lasst Euch von keinem Hindernis, und sei es noch so groß, von Euren Vorhaben abhalten!“

   

Als die Schauspielerin Undine Brixner-Paryla und der Schauspieler Nikolaus Paryla das Prana-Projekt im Februar dieses Jahres besucht hatten, führten die Kinder ein kleines Theaterstück auf:

Zwei Mädchen und ein Junge standen auf der Bühne. Das eine Mädchen zum anderen mit trauriger Miene:

„Ich werde nächsten Monat verheiratet, aber ich will nicht heiraten, ich will meine Ausbildung zu Ende machen. Ich studiere Informatik.“

Das andere Mädchen: „Was, du lässt Dich verheiraten? In Indien braucht keine Frau mehr einen Mann heiraten, den sie nicht mag. Das ist Gesetz. Weißt du das nicht?“

„Aber was soll ich tun?“

„Du musst dich wehren! Du musst sagen: „NEIN! Ich will das nicht! Schau mich an. Ich studiere Medizin, ich werde Ärztin. Meinst Du ich plage mich ab, damit ich dann für den Rest meines Lebens eingesperrt werde, Söhne gebäre  und meinem Mann dienen muss?“

Dann geht sie auf den Jungen zu und schreit ihn an:

„Bist du der Allmächtige, dass ich mich Deinem Willen fügen muss?! Du bist ein Mann, sonst nichts, und ich bin eine Frau, die im modernen Indien Rechte hat. Wann kapierst du das endlich!“

Der Applaus war frenetisch, nur die männlichen Lehrer schauten etwas skeptisch. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

Unsere beiden Gäste standen auf, stiegen auf den Tisch vor ihnen und sprangen auf der anderen Seite wieder herunter. Jetzt standen sie unmittelbar vor den Kindern und sagten:

„Ihr dürft Euch von Hindernissen nicht unterkriegen lassen, so groß diese auch immer sein mögen. Ihr müsst sie überwinden, so wie wir diesen Tisch, der zwischen Euch und uns als Hindernis stand. Jetzt sind wir da, wo wir hinwollten, bei Euch. Das Hindernis liegt hinter uns. Wir haben es mit Anstrengung und Kraft überwunden. So müsst ihr das auch machen. Lasst Euch nicht unterkriegen, denkt niemals  das schaffe ich nicht. Die Hindus unter Euch haben einen Gott, Ganesha. Er ist der Überwinder aller Hindernisse. Auch diejenigen, die einer anderen Religionsgemeinschaft angehören, können an Ganesha denken.

Merkt Euch: Jedes Hindernis kann überwunden werden!“

Was für eine wunderbare Botschaft von zwei Menschen, die ganz offensichtlich wissen, wovon sie sprechen.

In einem früheren Bericht hatte ich geschrieben, dass wir an unserer Schule den Kindern nicht nur die englische Sprache beibringen, sondern dass wir uns in verstärktem Masse für Menschenrechte engagieren. Dass Kinder verschiedener Religionsgemeinschaften und verschiedener Kasten sowie die kastenlosen Dalit inzwischen nicht nur gemeinsam am Unterricht teilnehmen, sondern Freunde geworden sind, ist eigentlich schon eine Selbstverständlichkeit geworden. Acht Jahre Kampf blieben nicht vergeblich.

Das Recht auf Bildung für Arme ist das eine. Das Recht und die Selbstbestimmung für Frauen und Mädchen das andere. Dafür setzen wir uns ein und dafür muss noch so manches Hindernis überwunden werden.