12. April 2014 | ,

Ghana Reisebericht / März 2014

„Anoshe Women Project“ / Stiftung Sabab Lou

Von Gambia geht es für uns postwendend weiter nach Ghana. Um eine 10-stündige Busfahrt nach Tamale zu vermeiden, nehmen wir einen 1-stündigen ´Starbow´-Flug. Fast schon dachte ich, dass der Platz neben mir frei bleiben würde, da sehe ich einen massigen Mann die alte Tupolev betreten. Vorwärts geht nicht, er versucht es im seitlichen Nachstellschritt. An unserer Sitzreihe angekommen, deutet er auf den Platz neben mir. Nein, das ist jetzt nicht wahr! Höflich stehe ich auf, der Mann windet sich zum Sitz. Natürlich passt er nicht hinein, die Armlehne bricht aus. Und wo bitte soll ich jetzt sitzen? Anstandshalber versuche ich es, aber selbst mit meinem Zwergenmaß scheitere ich. Jump Seat also.

In Tamale schlägt uns eine Hitzewelle entgegen, die Temperaturen sollten über den Tag noch auf 40 Grad + klettern. Keine Spur mehr von der Üppigkeit des Südens, vorherrschende Farbe: braun.

vorherrschende Farbe: braun

vorherrschende Farbe: braun

Nach 5 Stunden kommen wir in Chereponi an und beginnen direkt mit der Bestandsaufnahme des Projekts. Anders als in der vergangenen Saison, hatten die Frauen mit extremer Dürre zu kämpfen. So konnten nicht alle 350 Felder unserer in der Anoshe Women Group (AWG) organisierten Frauen gepflügt werden, sondern nur 320. Und die Ernte war mager. 27 Frauen haben es nicht geschafft den ausgegebenen Kredit für den Feldfrüchteanbau zurückzuzahlen. Die Gruppe konnte jedoch mit dem gestiegenen Preis für Soja die Verluste nahezu kompensieren. Beeindruckend für uns, dass die Gruppe darauf besteht, dass die 27 Frauen ihre Rückzahlungen in der diesjährigen Saison zusätzlich leisten sollen. Die Frauen bestehen auf Gleichheit, sie unterstützen den Wettbewerb, sie wollen jede in ihren Dörfern die Besten sein. Bewundernswert. So sind auch in gemeinsamer Entscheidung mit Nicholas, unserem Projektleiter, diesmal die Mikrokredite nur an die Frauen aus Kpaboku ausgezahlt worden. Über drei Monate können sie damit Kleinhandel betreiben und so noch etwas dazu verdienen. Eine Kombination von Maßnahmen, die aus unseren positiven Erfahrungen aus unserem Mikrokreditprojekt resultieren.

Einen weiteren wichtigen Punkt sprechen wir an diesem ersten Arbeitstag noch an: wir wollen das AWG Projekt institutionalisieren. Wir wollen, wie in Gambia, eine lokale NGO gründen, die den dauerhaften Fortbestand des Projekts sichern soll. Nicholas ist sehr angetan von der Idee, und vereinbart gleich ein Interview mit einem möglichen Kandidaten für die Position eines Office-Managers, der die administrative und finanzielle Abwicklung übernehmen könnte. Die Dynamik, die diese Idee auslöst, kann die Erschöpfung des anstrengenden Reisetages nur kurzweilig lindern. Die Hitze will auch in der Vollmondnacht nicht weichen, wir schlafen im Innenhof des Compounds in unserer eigenen Pfütze.

im compound

im compound

 

Am nächsten Tag geht es in die Dörfer Chere-Nakaku, Ando-Kajura und Nansoni. Alle Frauen benennen die Entbehrungen und Rückschläge durch die Dürre, aber auch die unerschütterliche Hoffnung in dieser Saison erfolgreicher zu sein. Sie erwähnen den dringenden Wunsch nach einem zweiten Traktor, der mehr Felder pflügen möge, und auch die Anschaffung eines Anhängers, welcher mehrere Transportengpässe lösen könnte. Eine weitere Idee löst ebenfalls einhellige Zustimmung aus: der Bau eines zentralen Lagerhauses. Alle Frauen könnten ihre gesamte Ernte an die AWG Organisation verkaufen, diese wiederum könnte die Ernte bis zu einem günstigen Zeitpunkt einlagern und dann als Großkunde die Zwischenhändler ausschalten. Neben all diesen strategischen Plänen hören wir auch die Sorgen bezüglich nachlassender Bodenfruchtbarkeit an. Diesen Aspekt werden wir in der Vorbereitung einer zweiten 4-köpfigen Studentengruppe der Universität Hohenheim betonen. Wir müssen den nachhaltigen Erfolg dieser von Mühsal geplagten Bäuerinnen sichern. Und so abgearbeitet und ausgezehrt sie sind, sie beschenken uns mit ihrem Dank. Dank dafür, dass sie mit unserer Unterstützung überhaupt erstmals ein eigenes kleines Einkommen generieren konnten. Unvorstellbar, wie ihr Leben ohne diese Einnahme war, die Armut in diesem vergessenen Landstrich ist erschütternd.

Frauen in Nansoni

Frauen in Nansoni

Der einbestellte Kandidat Abdullahi Baba macht einen aufgeweckten Eindruck, und ist scheinbar versiert in allen Büroarbeiten. Versuchen wir es mal. Ein kleines Büro und notwendige Einrichtung geht in die Planung. Für Nicholas heißt das mehr Freiraum für die strategische Weiterentwicklung des Projekts unter der Prämisse, dass die Frauen Einkommen erwirtschaften und ihre Lebensumstände dadurch selbst verbessern können. Natürlich stellen wir uns die Frage, ob nicht auch diese Frauen eine Bewässerungsanlage verdient hätten. Die Wassersituation ist verheerend, von sauberem Trinkwasser ganz zu schweigen. Zum einen ist die Erfolgsquote für Wasserbohrungen ob schwieriger geologischer Formationen 1:10, zum anderen sind die Einkommensmöglichkeiten für die Frauen, selbst mit unserer Unterstützung noch zu begrenzt, um eine solche Anlage refinanzieren zu können. Und wir werden nur Projekte anschieben, die in Eigenverantwortung und Eigenregie dauerhaft weitergeführt werden können. Sonst hätten wir einmal mehr das Abziehbild des Gönners hinterlassen, ohne wirklich etwas zu verändern.

Am Abend gehe ich beim Weber vorbei, ich hatte gesehen, dass sein steinbeschwerter Kamm mit den Spannfäden sich erheblich verkürzt hat. Eine Rolle mit 4 Yards wunderschönem Band ist entstanden, woraus Schneider die herrlichen traditionellen Umhänge kreieren. Zwei Tage, je 12-stündige Webarbeit für 15 Cedis Profit = weniger als 5,- Euro. Bescheiden, aber er kann seine Familie ernähren. Wie hart Menschen arbeiten müssen, nur um sich und ihre Familien ernähren zu können – wir sind jedes Mal ergriffen, überwältigt und beschämt.

Weber in Chereponi

Weber in Chereponi

So auch am nächsten Tag, bei den Frauen aus Kpaboku. Uns zu Ehren haben sie Pitu-Bier gebraut, sie möchten unbedingt ihre Dankbarkeit ausdrücken. Dass wir sie nicht im Stich lassen, dass wir immer wieder kommen, dass wir ihnen eine Chance geben, eine unternehmerische Chance.

Frauen in Kbaboku

Frauen in Kbaboku

Der Metromass-Bus nach Tamale ist über 3 Stunden verspätet, eine weitere Stunde dauert es, bis alle Säcke verladen sind. Der sicher 30 Jahre alte Neoplan-Bus ist ein robustes Arbeitspferd, ständig überladen und ungeachtet der Straßenverhältnisse mit Karacho unterwegs. Die Menschen die im Gang auf den aufgetürmten Holzkohlesäcken sitzen, donnern bei jedem Schlagloch an die Decke. Und derer gibt es viele. Dafür ist Stehplatz halt halber Preis. Sicherheitsvorschriften?
Leider fährt uns der Folgebus nach Offinso davon, wir müssen in ein Guesthouse. Jedenfalls kommen wir so zu einem Eimer Wasser. So dreckig waren wir schon lange nicht mehr.

Zwei Tage sind wir im unserem Mikrokreditprojekt in Zentral-Ghana, unser erstes Projekt und mittlerweile ein Selbstläufer. Am Nachmittag vor unserer Rückfahrt nach Accra treffen wir noch mit Mr. Agyeman zusammen, unserem sympathischen Rechnungsprüfer für unsere beiden ghanaischen Projekte. Gewissenhafte Zahlen, sorgsame Übersicht sind Rückhalt für die Transparenz der Stiftung. Wir haften für unsere treuen Spender und gegenüber der deutschen Stiftungsaufsicht. Es muss eben alles stimmen.

K.o., langsam baut sich der Wirbel unserer Gedanken zu einem handfesten Sturm auf. Zeit, die Rückreise anzutreten und noch einen Tag protokollierend und niederschreibend am Strand zu verbringen.

Der quälende Verkehr in Kumasi eröffnet uns Beobachtungen des Recyclingprogramms in Afrika. Mehrere hundert Meter Automotoren, mehrere hundert Meter Abgasrohre, mehrere hundert Meter Stoßstangen, Autodächer, Autotüren, Kurbelwellen. Mehrere hundert Meter Computerbildschirme, Kühlschranktüren, Kühlaggregate . . . mehrere . . . vielleicht sollten wir Afrika mehrere hundert Preise fürs recyceln unserer Wegwerfgesellschaft verleihen. Unglaublich, dieses Wiederverwendungsgeschick!

rauschende Gedanken

rauschende Gedanken

Wellenrauschen durch eine Pfützen-lose Nacht. Wellenrauschen spült unsere Prioritäten an Land. Unermüdlich. Bis denn bald wieder!