9. Juli 2014 | , ,

Ein Herz für Leo

 

 

Ein Herz für Leo

von Hilde Link
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Dem Leo habe ich aus Deutschland ein rotes Plüschherz mitgebracht. Mit schwarzen Buchstaben ist darauf gestickt: Ich  liebe Dich. Denn ich liebe Leo. Niemand, auf den ich mich so freue, wenn ich nach Indien komme, wie auf Leo. Niemand, von dem ich so schwer und mit Tränen Abschied nehme, wie von Leo. Wenn Leo meine Stimme hört, lacht er aus voller Kehle und strampelt mit den Beinen. Sehen kann er mich nicht, denn er ist blind.  Sprechen kann er ein wenig, trotz seiner schweren geistigen Behinderung. Wenn ich komme und sage: „Hallo Leo“, dann ruft er ganz laut und voller Freude: „Hallo Leo!“ Leo ist jetzt siebzehn und eines unserer ‚Glückskinder‘. Jeden Tag bekommt er physiotherapeutische Behandlung und Sprachtraining. Das hätte sich kein Mensch träumen lassen, dass Leo einmal stehen kann und sprechen lernt.

Wenn Leo mein Herz an seine Brust drückt, dann kommt mir schon mal der Gedanke: ‚Wenn einer hier normal ist in diesem Wahnsinn von Indien, dann ist es Leo.‘ In diesem Wahnsinn, wo vorne im Dorf Frauen mit Kerosin übergossen und angezündet werden, wo betrunkene Männer ihre kleinen Kinder auf den Boden schmeißen, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer Wut, wo ganz normale Ehefrauen zu Nutten werden aus lauter Not, wo Wucherer ganze Familien in den Selbstmord treiben.

Ach Leo, wie schön, dass es dich gibt!