6. Oktober 2016 |

Prana im Oktober

Aufmüpfige Mädchen

von Hilde Link

Prana Project-149

In unseren Breiten ist das in der Regel so, dass süße, goldige, kleine Mädchen plötzlich zu pubertierenden Zicken mutieren. Dieser Prozess wird in Indien, oder sagen wir mal besser in unserer Gegend, denn von da habe ich gesicherte Informationen,  vehement durch häusliche und schulische Gewalt gegenüber der Mädchen unterbunden. Meine Tochter Valli hatte mir die schrecklichsten Dinge berichtet, die ihr ihre indischen Freundinnen anvertraut hatten. Valli ist inzwischen aus der Phase raus, in der ihr Zimmer aus leerem Schrank, dafür aber aus einer plattgetrampelten Schneise zwischen Tür und Bett von anprobierten, dann aber nicht für gut befundenen Kleidungsstücken bestand.

Bei meinem letzten Aufenthalt im Prana-Projekt kam ich die Treppen zur Schule herauf und sah Folgendes: Der Lehrer forderte eine Gruppe von etwa 14-jährigen Schülerinnen mit lauter und bestimmter Stimme wohl schon zum wiederholten Male auf, endlich aufzustehen und zu kommen. Der Lehrer drehte sich weg, die Mädchen äfften ihn nach und klappten Daumen und die übrigen Finger in rascher Folge aufeinander (diese Geste für Lass ihn reden, gibt es auch in Indien). Als die Mädchen mich sahen, sprangen sie erschrocken auf. Ich lachte. (Die Lehrerinnen und Lehrer unter den Spendern mögen mir verzeihen).

Nicht weil ich es gut fand, dass sie den Aufforderungen des Lehrers nicht Folge leisteten, sondern weil ich in diesem Verhalten einen Erziehungserfolg unserer Schule sah: Der Lehrer ist nicht eine Person, die zuschlägt, wenn man ihm nicht folgt, sondern ein Mensch auf Augenhöhe, dem man sich, wenn man gerade in der Pubertät ist, auch mal widersetzen darf. Das ist ein Ausdruck von Selbstvertrauen, das wir in unserer Schule ganz gezielt fördern. Heute widersetzen sich die Mädchen dem Lehrer, morgen ihrem Vater, der sie zwingen will, einen Mann zu heiraten, den sie nicht mögen, und übermorgen weisen sie ihren prügelnden Ehemannin die Schranken oder trennen sich von ihm. Das wünsche ich mir für die Zukunft der Mädchen.