19. April 2017 | , ,

Prana im April

Die Zweite von links
 
von Monica Nowak 
 
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Sangeetha lernte ich vor vierzehn Jahren kennen, und seitdem begleite ich sie auf ihrem schwierigen Weg durch´s Leben. 
Das Mädchen musste seine Familie früh verlassen. Der Vater (Alkoholiker wie so viele Männer in Indien) verschwand, die Mutter brachte das Geld für den Unterhalt ihrer kleinen Familie auf, indem sie als Wander-Bauarbeiterin Steine schleppte. Da war natürlich kein Platz für kleine Mädchen: so brachte sie die ältere Tochter bei der Großmutter unter, während Sangheeta ins Heim kam.
Dort begegnete ich ihr 2003, besuchte sie in den folgenden Jahren regelmässig, und wir bauten mit der Zeit eine enge Beziehung auf. Bis zum Abitur blieb Sangeetha Heimkind; danach fand sie, von der helpalliance finanziert, im Prana Projekt ein neues Zuhause. Das war eine Riesenchance für sie, und das Wichtigste dabei: in das kleinen Appartement, das wir ihr ausbauten, konnten auch ihre Mutter und die ältere Schwester einziehen. Zum ersten Mal seit früher Kindheit waren die drei vereint, lebten in einem geborgenen Umfeld und waren überglücklich. Nun konnte Sangeetha das Stigma „Heimkind“ ablegen und als ganz normale junge Frau ihr Studium beginnen, was ihr eine gehörige Portion Selbstbewusstsein schenkte.
3 Jahre später schloss sie mit einem „Bachelor of Buiseness and Administration“ ab und wünschte sich, in Chennai einen Master-Studiengang zu absolvieren. Die ältere Schwester heiratete, und Sangeetha fand mit ihrer Mutter eine kleine Wohnung in der Stadt. Die helpalliance half mit einem Stipendium, Mutter und Tochter verdienten ein bißchen Geld dazu, und so schaffte Sangeetha auch den „Master of  Buiseness and Administration“. Danach wurde es schwierig, und auch ich lernte eine neue Lektion: denn mit dem Abschluss war noch lange nicht der Weg ins Berufsleben geebnet. Die Kaste spielt eine Rolle, die Herkunftsfamilie, und, so absurd es uns erscheinen mag, die Hautfarbe (Sangeetha hat einen sehr dunklen Teint, und das ist tatsächlich ein Nachteil).
Aber sie bewies Kampfgeist und Durchhaltevermögen, wollte es unbedingt schaffen. Über Monate bewarb sie sich bei den verschiedensten Firmen und griff nach dem ersten Strohhalm, der sich ihr bot: weit unterhalb ihres Niveaus begann sie in der Kundenbetreuung eines Callcenters zu arbeiten, nahm Reparaturaufträge an und tippte diese in den Computer. Monatelang. Und bewarb sich an ihren freien Tagen weiter. Dann, als ich schon kaum mehr daran glauben mochte, bekam sie ihre Chance: eine Anstellung im Personalmanagement einer Textilfirma. Hier sammelt sie nun Berufserfahrung und wird sich damit Stück für Stück emporarbeiten. Auch das erfordert Geduld und Kampfgeist, denn das Anfangsgehalt ist wirklich spärlich: derzeit verdient sie mit einer 6-Tage-Woche umgerechnet 100 € im Monat, nach 5 Jahren Studium – das ist selbst für indische Verhältnisse wenig.
Aber sie ist wahnsinnig stolz und hat auch allen Grund dazu. Dieses neue Leben war ihr wirklich nicht in die Wiege gelegt! Wir alle, bei Prana und bei der helpalliance, freuen uns mit ihr, sind stolz auf sie und gratulieren von Herzen!
Ein gutes Jahr nach ihrem Studienabschluß wurde der Graduation Day gefeiert. Sangeetha ist auf dem Bild oben die zweite von links. 
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