5. September 2018 |

Prana im August

Was lange währt….

von Monica Nowak 2

… wird manchmal richtig gut.

Auf der Webseite der helpalliance ist die Lebensgeschichte von Praveen zusammen-gefasst: ein dunkles Kapitel indischen Alltags. Durch unsere Unterstützung und Dank des Kampfgeistes, der in ihm steckt, ist Praveen nun ein gutes Stück vorwärts gekommen auf seinem Lebensweg.

Nach einem Studium im Bereich “Hotel Managment and Catering”, das die helpalliance ihm ermöglichte, war es erst einmal gar nicht einfach für ihn, einen Job zu finden. In Indien ist es üblich, sich von ganz unten nach etwas etwas weiter oben zu arbeiten – der Traum, in einem großen Hotel zumindest als Küchenhilfe anfangen zu dürfen, zerschlug sich schnell. Das war schon viel zu hoch gegriffen. Also bewarb er sich für alles, was sich ihm bot – und zwar ohne Bezahlung, nur für ein kleines Taschengeld, denn diese Jobs werden als “Praktikum” angeboten. Er belegte Pizzen in einem Schnellrestaurant, schälte Berge von Zwiebeln in diversen Großküchen, arbeitete die Nächte durch – alles für ein Teilnahme-Zertifikat, das er am Ende ausgehändigt bekam. Nur, um den nächsten Job derselben Kategorie zu suchen. Dabei hatte er noch Glück, denn da wir ihn weiter unterstützten, konnte er sich auch in dieser Phase seine Wohngemeinschaft leisten und mit dem Bus zur Arbeit fahren; manche seiner Kollegen mussten am Arbeitsplatz unter dem Tisch schlafen.

Ich gebe zu, dass ich in den anderthalb Jahren, die sich dieses Leben hinzog, ein bisschen kleinmütig wurde: wo sollte das denn hinführen? Ob er jemals eine Arbeit finden würde, die ihn ernähren könnte? Gleichzeitig begann ich, jeden der Kofferträger in den Crewhotels, in denen ich dienstlich untergebracht bin, mit anderen Augen zu sehen: was diese jungen Männer wohl alles hinter sich gebracht hatten, um hier arbeiten zu dürfen!?!

Ende letzten Jahres geschah das ersehnte Wunder: eine neue “Resto-Bar”, eine Mischung aus Restaurant und Bar, stand kurz vor der Eröffnung; sie hängt mit einem 5-Sterne-Hotel zusammen und sollte einer der “Hot Spots” von Chennai werden. Praveen gelang es, ausgewählt zu werden, und so war er von Anfang an dabei. Vor der Eröffnung wurden sie noch monatelang weiter ausgebildet: sie mussten sich in die umfangreiche Cocktailkarte einarbeiten, die ungewohnte Speisekarte kennenlernen (es wird internationale “Fusion” Küche angeboten, die sie auch vielen der Gäste näher erläutern müssen), und vor allem lernten sie Umgangsformen. Denn das Publikum setzt sich aus dem modernen, wohlhabenden Chennai zusammen, viele Gäste kommen aus der Film- und Medienbranche – Menschen, mit denen Praveen in seinem bisherigen Leben nicht den geringsten Kontakt hatte. Er, der unter ärmsten Bedingungen auf dem Land aufgewachsen ist, vermutlich bis zu seinem Studium nicht mal Messer und Gabel kannte, stellt sich nun namentlich seinen Gästen vor, liest aus dem Hintergrund an Blicken ab, ob er vielleicht gleich am Tisch gewünscht ist, empfiehlt cross gebratene Lotusstengel oder erläutert die Eigenarten diverser Single Malt Whiskeys. Und er macht das alles richtig gut!

Im August hatten wir Gelegenheit, in seinem Restaurant essen zu gehen. Es war eine bewegende Stunde! Wären wir nur zufällig dort hereingeschneit, wäre uns dieser besonders charmante, aufmerksame, souveräne Kellner aufgefallen. Er wirkt, als hätte er nie etwas anderes getan! Auch der Manager kam an unseren Tisch und lobte Praveen, der ja noch Berufsanfänger ist, in den höchsten Tönen. Allerdings deutete er auch an, dass er ihn in der Küche (Praveens ursprünglichem Ziel) eher nicht haben will: zu gut sei er im Service, im Kundenkontakt, um ihn da abzuziehen. Was für ein Kompliment!

Praveen selbst ist natürlich ungeheuer stolz auf das, was ihm gelungen ist. Ein Job für die Ewigkeit ist es noch nicht, schon wegen der vielen Nachtarbeit – aber ein tolles Sprungbrett für die weitere Karriere. Wir alle teilen seinen Stolz aus ganzem Herzen; und während ich das schreibe, läuft mir eine kleine Gänsehaut der Rührung und der Freude über den Rücken: daß Praveen, nach all den Dramen und Tiefpunkten seines Lebens, es bis hierher geschafft hat und nun selbstbewusst sein Leben meistert, das ist wirklich ein kleines Wunder.