17. Januar 2019 |

Prana im November

Prema 

von Monica Nowak

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Nun hat auch Prema das Abitur bestanden und ist das letzte der helpalliance-Glückskinder, das aus dem Prana-Projekt auszieht, um als Studentin ein neues Leben zu beginnen. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle nur ein paar stolze Worte dazu schreiben, aber dann kam alles anders… hier nun ihre Geschichte:

Premas Mutter Sathiya war 15, als sie schwanger wurde. Sie musste den Mann ihrer ältesten Schwester heiraten, die bei einem sogenannten „Küchenunfall“ ums Leben gekommen war. Im Nach-hinein lässt sich nicht sagen, ob das Brand-Unglück ein verzweifelter Suizid oder ein Mordanschlag des Ehemannes war: beides gehört leider in Indien noch immer zum Alltag.

Mit der Heirat übernahm das junge Mädchen auch die drei Kinder ihrer Schwester (Praveen, Preethi und Prem: spätere Prana-Glückskinder), bekam ein eigenes Kind, Prema, und schlug sich die kommenden Jahre mehr schlecht als recht durch. Der Ehemann war gewalttätig und alkoholsüchtig, die Armut entsprechend groß, und so wurden die Kinder dauerhaft hin- und hergeschoben: mal in ein Heim, mal zu Verwandten, mal lebten alle zusammen bei der Mutter des Mannes auf dem Land.

Im Jahr 2013 ertrug Sathiya die Situation nicht länger: sie ließ die halbwüchsigen Kinder zurück griff die Flucht. Im Laufe der Zeit gelang es ihr, eine regelmäßige Arbeit in Chennai zu bekommen, wo sie seitdem lebt.

Da ich seit 2003 in engem Kontakt mit Sathiyas beiden Schwestern Vella und Jagga stehe, die ich seit ihrer Zeit in einem Kinderheim fördere und betreue, erfuhr ich schnell von der Situation, und wir konnten Praveen, Prem und Prema bei Prana aufnehmen. Preethi lebt bei ihren beiden Tanten: so schloß sich der Kreis unserer Glückskinder, die langjährigen Lesern aus vielen Rundbriefen vertraut sind.

Für Prema war es nicht leicht, nun an der englischsprachigen Privatschule, die sie fortan besuchte, Fuß zu fassen. Ihre Lücken waren gewaltig, und die Sprachbarriere hoch. Mit viel Kampfgeist, Ehrgeiz und der unermüdlichen Unterstützung ihrer Betreuerin Savariyamal, die gleichzeitig die Leiterin der Prana-Schule ist, gelang es ihr jedoch, Anschluß zu finden. Das letzte Jahr war noch einmal ein gewaltiger Endspurt – hierzulande kann man sich nicht vorstellen, wie lange so ein Schultag in Indien sein kann. Förderstunde ab 6.30 morgens, gefolgt von einem ganzen Schultag, abendlicher Nachhilfe und Hausaufgaben…. kein Wunder, das Prema nur noch froh war, als alles vorbei war!

Aber sie bestand in allen Fächern, sogar im gehassten Pflichtfach Französisch, und hielt das indische Abitur glücklich in den Händen: der Startschuß für einen neuen Lebensabschnitt.

Während der 5 Jahre im Prana-Projekt hatte Prema dort ihr Zuhause  gefunden, viele Freundschaften innerhalb des Projekts und in der Schule geschlossen, und sich sichtlich wohl gefühlt. Nun war es aber ihr Herzenswunsch, fortan „in der Familie“ zu leben. Da ihre Mutter sie aufgrund ihrer Arbeits- und Wohnsituation nicht betreuen kann, wollte Prema zu ihrer verheirateten Tante Vella ziehen, wo auch schon Jaga und Preethi leben Und dort, in dem kleinen Häuschen in Mahabalipuram, hat sich nun eine echte Großfamilie gebildet, die wir Dank unserer Tätigkeit als Flugbegleiter fast jeden Monat besuchen können. Mittlerweile studiert Prema an einem guten Frauen-College für einen Bachelor of Buiseness Managment, und eigentlich war das das vorläufige Happy End, mit dem dieser Bericht enden sollte.IMG_9598

Und dann wurde Prema im November krank. Lebensbedrohlich krank. Sie hatte sich Dengue Fieber und Typhus gleichzeitig eingefangen, was im örtlichen Krankenhaus erst einmal nicht als allzu dramatisch aufgefasst wurde. Zum Glück erfuhren wir nach einigen Tagen, dass dies schon ihre zweite Dengue Fieber Infektion war (sie selber hatte es vergessen), und konnten ihre sofortige Einweisung in ein großes, erstklassiges Krankenhaus veranlassen: den bei Dengue können sich mit der Zweitinfektion lebensgefährliche Komplikationen bilden. Schnell stellte sich heraus, das dies bei ihr der Fall und die Lage wirklich bedrohlich war. Und nun rettete ihr auch das helpalliance-Geld das Leben: denn nur, wenn man bar zahlen kann, kommt man dort in den Genuss aufwändiger und teurer Sonderbehandlungen. Intensivstation, künstliche Ernährung, Medikamente – all das kostet. Und besonders wichtig waren aufwändige Bluttransfusionen, für die man seine eigenen Spender mitbringen muss. Ihr Bruder Praveen war am schnellsten vor Ort, mit 8 Freunden im Schlepp: die jungen Männer gaben ihr Blut, dass dann entsprechend aufbereitet wurde, und ließen ihre Handynummern im Krankenhaus, falls noch mehr benötigt werden sollte: ein Zusammenhalt, der uns alle sehr froh machte.

Premas Zustand blieb einige Tage kritisch, ihre Mutter wich nicht von ihrer Seite, und ihre indische und deutsche „Familie“ blieb dabei rund um die Uhr in Kontakt, tauschte die neuesten Blutwerte auf und sprach sich gegenseitig Mut zu. Während der Priester, der im Prana Projekt lebt, aufwändige Zeremonien für das Mädchen abhielt. Eine schwere Zeit, die uns aber auch alle noch näher zusammen rücken ließ.

Alles ging gut. Prema hat überlebt. Ein kleines Wunder geschah: ihre Blutwerte besserten sich nach den Transfusionen zusehends, sie durfte bald nach Hause, und nach einer weiteren Woche Schonfrist auch schon wieder ins College.

Mittlerweile ist sie ganz die Alte, hat alles gut verarbeitet, und ich kann diesen Bericht endlich mit einem weiteren Happy End abschließen.IMG_2576