19. März 2019 |

Prana im März

 

Das Erfolgsproblem

von Hilde Link 

Prana Project-458

Erfolgsproblem. Nie gehört? Doch, doch das gibt es, und zwar im Prana-Projekt. In unserer Förderschule für begabte Kinder. 

Die Schule  liegt am Rande eines Slums. Da leben ausschließlich Menschen, deren Leben von Hoffnungslosigkeit bestimmt ist. Die Männer sind häufig Rikshafahrer, die ein Gestell mit Sitzbank an ein altes Fahrrad montiert haben und damit Leute befördern.

So wie Manis Vater. Er ist immer noch Rikshafahrer, obwohl er schon so schwach ist, dass er kaum noch laufen kann. Aber Pedale treten, das geht noch einigermaßen, wenn die Last nicht zu schwer ist. Er fährt von morgens bis abends, und manchmal auch noch in der Nacht. Das macht er für seinen Sohn, damit der es einmal besser haben soll. 

Mani kam regelmäßig in die Prana-Förderschule. Er war einer der ersten Schüler. Vor Kurzem hat er Abitur gemacht. Ein besonders gutes. 96 von 100 Punkten hat er erreicht. Er will unbedingt Zahnarzt werden. Auch in Indien verdienen Zahnärzte gut, und Mani weiß, dass er mit diesem Beruf eines Tages seine gesamte Familie, etwa vierzig Personen, aus der Armut und aus dem Slum befreien kann. Mit seinem außergewöhnlichen Notendurchschnitt wurde Mani zum sog. NEET-Test zugelassen. NEET steht für National Entrance Exam Test. Wer diesen Test besteht, was wirklich sehr, sehr schwierig ist, der bekommt ein Stipendium vom indischen Staat. Mani hat bestanden. Sein Vater hatte Tränen in den Augen, als er das erfuhr. Sein Sohn konnte Zahnmedizin studieren mit einem staatlichen Stipendium. Was für eine Freude!

Eigentlich könnte Manis Geschichte hier zu Ende sein. Mit einem Happy End. 

Kurz nach dem bestandenen NEET-Test, kam Mani ins Prana-Projekt. Er war bedrückt, als er uns die Stipendien-Zusage zeigte. Was wir da lasen, konnten wir nicht glauben: Der indische Staat bezahlt nur zwei Drittel der Studiengebühren. Für den Rest muss der Studierende oder dessen Familie aufkommen. Die Studiengebühren für Zahnmedizin betragen umgerechnet etwa 6000.-Euro im Jahr. Das Studium dauert fünf Jahre.  Und wie, bitte schön, kann ein Rikshafahrer 2000.- Euro aufbringen? In einem Jahr? Fünf Jahre lang? 2000.- Euro verdient er in seinem ganzen Leben nicht. 

Fazit: Der Sohn eines Rikshafahrers kann sich anstrengen, so viel er will, die Eltern können schuften, so viel sie wollen, die Studiengebühren werden sie niemals aufbringen können. Studieren ist für Reiche.

Die helpalliance hat es uns nun ermöglicht, einen Stipendien-Fonds einzurichte. Aus diesem Fonds werden Studiengebühren bezahlt, so dass auch die Kinder armer Eltern eine Chance haben. Diese Hilfe wird  nur als Darlehen gewährt und es werden notarielle Verträge gemacht mit entsprechenden Rückzahlungsbedingungen. Auf diese Weise wird ein Solidaritätsfonds geschaffen, aus dem immer wieder neue Stipendien an erfolgreiche Schülerinnen und Schüler vergeben werden können. – Und unser „Erfolgsproblem“ ist gelöst.

In der Mitte des Fotos oben: Mani (mit aufgestelltem Bein), 2011