Prana im Mai

Prana in Corona-Zeiten 

von Hilde Link

Es ist gar nicht so einfach zu bewerkstelligen, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Slum (das sind in erster Linie die Putzfrauen und Köchinnen) Lebensmittel kaufen können: erst einmal haben die Läden nur zwei Stunden am Tag geöffnet, und die Waren werden dort inzwischen zum drei- bis vierfachen Preis verkauft. Und dann sie müssen irgendwie an ihre zugesagte Prana-Gehaltsfortzahlung kommen, damit sie sich kein Geld von einem „Moneylender“ borgen müssen. 

Im „Weltspiegel“ habe ich einen Bericht über Indien gesehen. Es wurde gesagt, die Leute würden sich ganz prima selber helfen und sich von irgendwoher Geld borgen. Von irgendwoher? Das Geld wird in der Regel vom oben erwähnten Moneylender geliehen, der immer dann auftaucht, wenn jemand in Not geraten ist. Er verlangt 10% Zinsen. Im Monat! Nicht im Jahr. Die Rechtfertigung für diesen Wucher ist: keine Sicherheit. Auch hier muss man wissen, dass jeder Moneylender Sicherheiten hat, denn er verleiht Geld nur, wenn in der Familie junge Mädchen oder Frauen sind. Das ist die Sicherheit. So wird Prostitution etabliert. Denn so gut wie nie kann die geliehene Summe zurückbezahlt werden. 

Im Prana-Projekt versuchen wir natürlich zu verhindern, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diese Falle geraten. Eine unvergleichliche Solidarität hat sich entwickelt, denn das Geld musste in bar seinen Weg finden – Slumbewohner haben keine Bankkonten. Unsere Schulleiterin, die ihren Wohnort, wie alle anderen auch, nicht verlassen darf, hat in ihrer wohlhabenden Nachbarschaft Geld gesammelt. Dann ist unser Fahrer, er ist schon älter, mit dem Fahrrad auf Schleichwegen zu ihr gefahren, hat das Geld abgeholt und dann den Putzfrauen und den Köchinnen gebracht. Die Polizei stand dennoch mit Schlagstöcken da, um jeden „Gesetzesbrecher“ zu verprügeln. Aber unser Fahrer ist alt, und einem alten Mann tut man nichts. Ein Lob auf die indische Sitte, alte Menschen zu ehren!   

Foto: Radmila Kerl